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Innenansichten eines verunsicherten Katholiken

Ein "Augenblick", der mich beeindruckte (UPDATE)

Ein Augenblick, der mich beeindruckte

Ich biege mit meinen Wagen, von der Bahnhofstraße kommend, in die Zechenstraße ein und sehe aus dem Augenwinkel, wie ein junger Mann vor der Moschee kniet und die Stolpersteine reinigt, die zum Erinnern an die Verfolgung, Deportation und Ermordung jüdischer Menschen in den Boden eingelassen sind. In diesem Fall handelt es sich um die Familie Keil, die an der Stelle, an der jetzt die Moschee steht, ein Kaufhaus erfolgreich betrieb und aufgrund der Verfolgung durch die Nazis aus Deutschland fliehen musste.
(Mehr zu den Stolpersteinen und dem Schicksal der Menschen, an die sie erinnern sollen:
http://www.boenen.de/index.php?id=491

Das ist ein Bild, das mich bewegt und nachdenken lässt: Ein (deutscher?) Jugendlicher, der vor einer türkischen Moschee Gedenksteine reinigt, die an jüdische Mitbürger erinnern sollen. Das Verhältnis von Türken und Deutschen in Bönen ist, soweit ich das erkennen kann, seit Jahren relativ friedlich und respektvoll. Wir sollten uns dieses Miteinander nicht zerstören lassen. Wir wohnen in einer Gemeinde und begreifen uns alle als Mitglieder einer Gemeinschaft. Türken, Polen, Albaner, Serben, Russen, Kroaten, Griechen, Italiener und Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund leben seit Generationen zwar nicht konfliktfrei, aber im Wesentlichen jedoch friedlich miteinander. 

Wir sollten nicht in die Falle der Politiker laufen und uns unser Handeln von politischen Despoten, Populisten oder anderen Hasardeuren aufdrängen lassen. Auch nicht von religiösen Eiferern. Die meisten von uns wissen sehr wohl, was richtig und gut ist, und verhalten sich entsprechend. Sie respektieren und wünschen sich staatliche Ordnung. Sie respektieren die Überzeugung von Andersgläubigen. Unsere Regierung handelt nicht faschistisch, unsere Ministerpräsidenten und Bürgermeister und alle, die mit ihnen zusammenarbeiten, genauso wenig. 

Die Journalisten sind in der Mehrzahl um Wahrheit bemüht und helfen uns, uns mit unserer Umwelt kritisch auseinanderzusetzen. Wir sollten vorsichtig gegenüber jenen sein, die etwas Anderes behaupten. Unsere Gesellschaft ist bestimmt nicht tadellos, aber sie funktioniert in den meisten Bereichen gut. 

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dann wäre der kniende junge Mann, der die Stolpersteine reinigt, genau das richtige Beispiel hierfür. Ich habe den jungen Mann (und natürlich auch seinen Auftraggeber) für sein Tun bewundert und bin noch einmal zu der Stelle gefahren und habe die nun gereinigten Steine fotografiert:

Stolpersteine im besten Sinne.  

(r.duczek@online.de)

UPDATE: 

Vor kurzem erreichte mich zum obigen Artikel folgende Email, die ich im Folgenden mit meiner Antwort kurz wiedergeben will:

Hallo Herr Duczek,

als ich die aktuelle Betrachtung Ihrer Kolumne "Innenansichten eines verunsicherten Katholiken" las, stutzte ich. "Da hat jemand was über die Stolpersteine geschrieben. Schön!", dachte ich zuerst, aber dann las ich und verstand, dass es um das Reinigen geht. Ich bin der junge Mann, der kürzlich die Stolpersteine vor der Moschee saubergemacht hat. Dass ich so auffalle, hätte ich nicht gedacht. Vor allem nicht, dass ich damit für sie ein Anstoß für die guten Erörterungen der Kolumne bin, die ich bis gerade noch nicht kannte. Ich finde es gut, wie politisch sie schreiben und das natürlich auch auf unser Zusammenleben und die Erinnerungskultur in Bönen bezogen. Dass das Haus der Keils und damit die Stolpersteine heute vor einer Moschee liegen, ist sicher nicht nur ein Detail, aber darum ging es mir beim Putzen natürlich nicht. Die Steine waren einfach dreckig geworden. Zu Gedenktagen der Schoa oder des Ende des NS putzen Schulen ja häufig die Steine, aber diese hier nicht, soweit ich weiß. Zu mir: Ich heiße Lennart Luhmann, bin 20 Jahre alt, komme aus Bönen und studiere Ev. Theologie in Münster.
Ich freue mich über die Wertschätzung für die 5 min Putzen und freue mich darauf, von Ihnen zu hören.

Mit freundlichem Gruß 

Lennart Luhmann

Hallo Herr Luhmann,

ich habe mich doch sehr über Ihr Schreiben gefreut, da es in gewisser Weise meine Eindrücke von jenem Tag zu einem guten Ende führt. Offenbar haben Sie nicht im Auftrag die Steine gereinigt, sondern sind selbst aktiv geworden. Für dieses Zeichen der Menschlichkeit und der Zivilcourage - Sie halten das vielleicht für ein zu großes Wort, aber ich empfinde es genau so - möchte ich Ihnen herzlich danken. Es macht darüber hinaus ein gutes Gefühl, in einer Gemeinde zu leben, in der auch Verantwortungsgefühl und Bereitschaft zum sozialen Miteinander vorhanden sind: Ihre und viele andere ehrenamtliche Aktivitäten, seien sie privat, von Vereinen oder den Kirchen veranlasst, zeugen davon. 

Ich wünsche Ihnen auf Ihrem Lebensweg und bei Ihrem Studium viel Erfolg und alles Gute. 

Reinhold Duczek

PS. Könnten Sie mir die Erlaubnis erteilen, Ihre Email quasi als Ergänzung meines Artikels zu veröffentlichen? Über eine positive Antwort würde ich mich freuen.

Sehr geehrter Herr Duczek,

das freut mich zu hören! Ja, dem kann ich so voll und ganz zustimmen. Die E-Mail können Sie veröffentlichen.
Vielen Dank,
Frohe Ostern!

Viele Grüße 

Lennart Luhmann