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Innenansichten eines verunsicherten Katholiken

Die Reise nach Krakau 

Krakau ist eine wunderbare, beeindruckende, ehrwürdige Stadt, voller historischer Bauwerke, die an die vergangene Zeit als Königstadt erinnern, gleichzeitig ist es eine junge lebendige Stadt, dafür sorgen die vielen Studentinnen und Studenten dieser berühmten Universitätsstadt und die vielen Touristen, die diese Stadt besuchen. 

Und dennoch. Keine guten Gefühle anlässlich unseres ersten Besuchs in Krakau. Krakau ist unser Ziel, aber nur scheinbar. 

Wirklich wichtig war uns dabei auch der Besuch der nahe gelegenen KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, der uns als Tribut auferlegt wird, damit nicht vergessen wird, was nicht vergessen werden darf. Als Mahnung für die Zukunft: Damit sich diese Verbrechen nicht wiederholen. 

Keine guten Gefühle also bei der Fahrt zur Gedenkstätte, keine Schuldgefühle - eher ein Gefühl der Beklommenheit. Niemand der nach 1945 geborenen Deutschen trägt Schuld an der Ungeheuerlichkeit der in Auschwitz geschehenen Verbrechen. Es gibt und meiner Ansicht nach gab es auch keine „Kollektivschuld“, aber es gibt so etwas wie eine „Kollektivscham“, die wir sehr deutlich empfinden. Immer ist die „Scham“ auch vermischt mit „Empörung“, dass so viele unschuldige Leben, so viel Geist, Begabung, Können und Hoffnung zerstört wurde. 

Wir schämen uns für den Zynismus und die Grausamkeiten, die im Namen von Deutschland geschehen sind, für die Brutalität und Bestialität, mit der Mitbürger jüdischen Glaubens, Sinti, Roma, Homosexuelle behandelt wurden, und zwar nicht von der SS, sondern von den vielen Unanständigen in Deutschland, die für ihr eigene, meist selbst verschuldete Notlage Sündenböcke suchten, auf die sie ihren Hass und ihre Wut abladen konnten. Und das nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz real durch Verletzung geltender Gesetze, durch Schmähungen und Beschimpfungen, durch widerrechtliche Enteignung, durch Gettobildung, durch brutale Überfälle, durch Mord bis hin zum organisierten Massenmord durch staatliche Organe. 

Die auch heute noch als „typisch deutsch“ angesehenen Tugenden, wie „Fleiß“, „Tüchtigkeit“, „Ordentlichkeit“, „Organisiertheit“, „Erfindergeist“ kamen bei der Durchführung der Massenmorde zum Tragen und machen sie zu einzigartigen Verbrechen, auch in ihrer zahlenmäßigen Dimension (1,1 - 1,5 Mio. Tote allein in Auschwitz), die durch keine Art von Kriegsverbrechen anderer Völker bis zum heutigen Tag zu relativieren ist. 

Diese Last der geschichtlichen Verantwortung kann uns Deutschen nicht genommen werden. Mit dieser Verantwortung müssen heutige und kommende Generationen umzugehen lernen. 

Ein würdiger Umgang damit kann sicherlich nicht in Vergessen und Verdrängen bestehen. Dass in Deutschland heute straflos wieder der Hitlergruß gezeigt werden kann, dass in Rechts-Rock-Konzerten von Gewalt, Juden, Gaskammern in einem Satz gesungen oder gegrölt werden kann, ist eine Verhöhnung der Millionen ermorderter Juden, deren namenloser, unendlich grausamer Tod sich dadurch immer wieder neu vollzieht. Dafür sollte sich jeder in Deutschland schämen. 

Keine guten Gefühle anlässlich unseres deprimierenden, aber notwendigen Besuches der KZ-Gedenkstätte Auswitz-Birkenau. Darauf kommt es an: 

Nur, wenn wir nicht vergessen, können wir die Zukunft würdig gestalten.

Reinhold Duczek, Bönen, 25. Oktober 2017

(r.duczek@online.de)